
Der Klebestift ist noch feucht, als ich die zerknitterte Bordkarte von LH454 glattstreiche und dieses Stück Thermopapier zwischen die Seiten meines dritten Bordkarten-Tagebuchs drücke – es liegt zusammen mit den beiden älteren auf dem alten Holzfensterbrett links neben meinem Monitor, in unserer Altbauwohnung in Schwabing-West. Für Außenstehende sieht das nach einem harmlosen Hobby aus, nach Meilen sammeln für den nächsten Familienurlaub. In Wahrheit ist es mein Gegenmittel gegen eine Annahme, die fast jeden trifft, der mit Travel-Hacking anfängt: dass das Programm selbst schon aufpasst.
Hinweis vorab, weil er hier hingehört und nicht irgendwo im Kleingedruckten verschwinden soll: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Klickst du darauf und kaufst etwas, bekomme ich eine kleine Provision, an deinem Preis ändert das nichts. Kurse wie Meilen Master gehören dazu – Werkzeuge, die bei uns wirklich im Alltag gelandet sind, nicht nur in einer Linkliste.
Die Annahme lautet meistens so: Miles & More schickt mir ja eine Mail, wenn eine Bonusaktion läuft, und im Konto sehe ich sowieso, wie viele Meilen ich habe. Wozu also Papier? Weil genau diese beiden Kanäle – Posteingang und Kontoübersicht – in unserem Alltag regelmäßig durchs Raster fallen, und weil ein Konto-Saldo dir nie erzählt, welche Buchung, welcher Flug und welcher Fehler dahinterstecken.
Ein Kontostand ist kein Gedächtnis.
Reicht nicht einfach die Miles-&-More-App?
Cordula, eine Leserin aus Düsseldorf, hat mir nach meinem ersten Beitrag eine lange Mail geschrieben. Sie sammelt seit fast zehn Jahren Meilen – über die Kreditkarte, über Vielfliegerprogramme, über jeden Umsatz, der sich dafür eignet – und hat noch kein einziges Mal eingelöst. Nicht aus Faulheit, sondern weil sie nie den Überblick hatte, wie viele Meilen für was reichen und wann sie verfallen, wenn zu lange nichts auf dem Konto passiert. Genau da liegt der Denkfehler: Das Programm zählt zwar mit, aber es erinnert dich nicht daran, wofür sich das Zählen lohnt.
Bei uns war die Ausgangslage anders, aber der Denkfehler derselbe: Ein Sign-Up-Bonus über die Kreditkarte brachte uns die ersten Meilen aufs Konto, doch ohne eigene Notiz zu Kreditkartenumsätze im Alltag wusste ich später nicht mehr, aus welcher Aktion welche Meilen stammten – genau die Lücke, die Cordula bis heute nicht schließen konnte.
Was im Posteingang wirklich verschwindet
Monatelang habe ich die Newsletter von Miles & More ungelesen gelöscht, weil sie in meinem Kopf in dieselbe Schublade wie Werbung für Küchengeräte gehörten. Erst als ich mein Notizbuch zurückblätterte, fiel mir auf, dass eine dieser gelöschten Mails genau die Bonusaktion ankündigte, die uns zusätzliche Meilen für unseren großen Flug eingebracht hätte.
Elvira aus meinem Büro-Cluster fragt mich bei fast jedem Spaziergang durch den Westpark, wie viele Meilen gerade auf dem Konto liegen – sie selbst sammelt keine einzige, will aber immer den aktuellen Stand wissen. Lange konnte ich ihr das nicht beantworten, ohne mich erst zwanzig Minuten durchs Online-Portal zu klicken. Das allein war für mich der Beweis, dass ein Konto-Login kein Gedächtnis ersetzt.

Mein Gegenmittel: das Bordkarten-Tagebuch statt Posteingang
Der Moment, der in meinem Notizbuch am meisten zählt, ist nicht die Landung in San Francisco, sondern der Klick auf Jetzt einlösen, bei dem auf einen Schlag 280.000 Meilen vom Konto verschwanden – Sekunden bevor überhaupt eine Bordkarte existierte. Ohne Aufzeichnung hätte ich mir diesen Klick heute vermutlich ungenau zusammengereimt, so wie man sich den Preis eines teuren Geburtstagsgeschenks im Kopf mit der Zeit kleiner oder größer vorstellt, als er wirklich war.
Drei Notizbücher stehen inzwischen links neben dem Monitor, über dem ein Korkbrett mit Kopien alter Bordkarten und ein paar Haftnotizen hängt. Das Licht fällt dort von Nordwest über einen ruhigen Hinterhof, und wenn ich eine neue Karte zwischen die Seiten lege, raschelt das Papier auf eine Art, die mir inzwischen vertrauter ist als jede App-Benachrichtigung.

So trage ich jede Bordkarte ein
Ich schreibe Route, Flugzeugtyp, Sitznummer und Meilenpreis in einer einzigen Zeile auf – bei unserem Flug nach San Francisco im Sommer 2024 war das LH454, Airbus A340-600, Sitz 32H, 280.000 Meilen plus etwa 1.500 Euro Steuern und Gebühren für alle vier Tickets zusammen. Darunter kommt immer ein zweiter Satz: was nicht funktioniert hat. Beim Check-in wollte das System unsere Pässe nicht lesen, und wir standen eine halbe Stunde länger an, als uns lieb war.
Darunter notiere ich auch, welche Aktion die Meilen überhaupt gebracht hat. War es Meilen sammeln mit GetYourGuide bei einem Ausflug, oder doch ein Bonus, den ich fast übersehen hätte, weil die Mail dazu schon im Papierkorb lag? Ohne diese Zeile wüsste ich es heute nicht mehr.
Kurse wie Luxury Travel Hacking für Familien haben mir dabei geholfen, die Buchungsklassen besser zu verstehen, aber sie ersetzen diese eine Zeile im Notizbuch nicht. Das eine erklärt das System, das andere hält fest, was bei uns konkret passiert ist.
Der Unterschied zwischen Sammeln und wirklich Nutzen
Cordulas fast zehn Jahre und mein gelöschter Newsletter erzählen am Ende dieselbe Geschichte: Ein Programm, das im Hintergrund mitzählt, ist kein Ersatz für eine eigene, kurze Notiz. Schreib bei jeder Buchung drei Dinge auf, bevor du sie wieder vergisst – welche Route und welcher Meilenpreis es war, was dabei schiefging, und aus welcher Aktion die Meilen überhaupt kamen. Das sind keine drei Minuten, aber sie hätten Cordula vermutlich ihre erste Einlösung schon viel früher ermöglicht.
Welche Bordkarte als nächstes hineinkommt, weiß ich noch nicht. Aber ich schreibe auf, was dabei schiefgegangen ist, lange bevor ich es wieder vergesse.